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Vergesellschaftung

Die Vergesellschaftung von Böckchen ist ein Mysterium, das Uneingeweihte niemals komplett durchschauen werden – dieser Eindruck entsteht schnell, wenn man sich so auf den einschlägigen Seiten im Internet umschaut oder gar die „Fachliteratur“ konsultiert. Abgesehen davon, dass man Böckchen gar nicht zusammenhalten kann (was natürlich nicht stimmt) sind dort auch umfangreiche Szenarien beschrieben, wie denn so eine Vergesellschaftung nun am besten anzufangen wäre.

Man liest von riesigen, extra eingerichteten Ausläufen mit vielen Versteckmöglichkeiten, die man den Jungs im Alltag doch nicht dauerhaft bieten kann. Die Komplettreinigung (und am besten noch Desinfektion…) des Geheges inklusive dem Umstellen der Einrichtung vor dem Zusammensetzen wird auch oft empfohlen, genauso wie der „Geheimtipp“, die neuen Bewohner mit gebrauchter Streu einzureiben, damit sie „vertraut“ riechen. Manche meinen sogar, man solle die Tiere mit Parfum einsprühen oder man könne nur Jungböcke bis zum Alter von ca. sechs Monaten überhaupt vergesellschaften. Wie man sicherlich schon meinem Ton entnehmen kann, halte ich all das für ausgemachten Blödsinn.

Jack und Rodney

Am wichtigsten ist zunächst, dass die oben bereits angesprochenen Faktoren Platz, Halter, Nerven und Glück erfüllt sind bzw. werden. Sie bilden die Basis für eine erfolgreiche Vergesellschaftung. Außerdem sollte die Sozialisierung der Jungs soweit möglich bekannt sein. Hat sich der Wunschkandidat bereits mit allen Böckchen verkracht, mit denen er bisher zusammengebracht wurde, würde ich persönlich nicht noch einen weiteren Versuch starten. Auch ältere Böckchen kann man gut miteinander vergesellschaften, wenn die Tiere Bockgesellschaft kennen und sich mögen.

Ich gehe der Einfachheit halber davon aus, dass wir hier beispielhaft ein erwachsenes Böckchen in eine bereits bestehende Gruppe mit anderen Jungs unterschiedlichen Alters integrieren wollen:

Der neue Mitbewohner ist also bei uns daheim angekommen und sitzt noch in seinem Transportbehältnis. Als erstes nehme ich den Neuzugang heraus und sehe ihn mir sehr genau an. Das wichtigste ist, dass es sich auch wirklich um einen Bock handelt, sonst gibt es neben einem total verängstigten, bedrängten und trächtigen Mädel auch noch Mord und Totschlag in meiner Bockgruppe. Dann folgt der erste Schweine-TÜV im neuen Zuhause mit Wiegen, eventuell Krallen schneiden, Fell anschauen, und so weiter. Das hilft auch, schonmal den Neuzugang ein bisschen genauer kennenzulernen und vielleicht durch einen tiefen Blick in die Augen das Tier (und den Halter) etwas zu beruhigen. Sollte nicht sicher sein, dass der Bock wirklich gesund ist, kommt er für mindestens zwei Wochen in einen Quarantänekäfig in einen anderen Raum und wird schnellstmöglich dem Tierarzt vorgestellt. In so einem Fall muss man unbedingt auf strikte Hygiene achten, damit keine Ansteckungsgefahr für die Alteingesessenen besteht. Wichtig ist, dass das neue Tier bei der Vergesellschaftung gesund und fit ist.

Ist alles OK, gebe ich dem Neuen in Hörweite der anderen Jungs erstmal etwas Zeit, sich zu akklimatisieren. Währenddessen lege ich mir bissfeste Handschuhe parat und eventuell einen Besen mit langem Stiel. Ich fülle die Wasserflaschen auf allen Etagen auf, gebe ordentlich Frischfutter überall ins Gehege und verteile reichlich Heu. Meine Jungs freuen sich natürlich, fangen mit dem Futtern an und sind erstmal etwas abgelenkt. Es ist auch wichtig, sich die Einrichtung des Geheges nochmal kritisch anzuschauen und eventuelle Einbahnstraßen oder „Fallen“ zu beseitigen, also Stellen, an denen Tiere in die Enge getrieben werden können und das Ausweichen nicht möglich ist. Die sollte es zwar in einem ordentlich eingerichteten Gehege sowieso nicht geben, aber sicher ist sicher. Dann schaue ich genau, wer gerade wo im Gehege sitzt und überlege mir, wer davon besonders verträglich ist und normalerweise gelassen auf neue Tiere reagiert. In diese Etage kommt dann auch der Neuzugang. Ich mache gar keinen großen Aufriss, sondern setze den Neuling einfach dazu.

Einen großen Auslauf extra für die Vergesellschaftung halte ich nicht für angebracht, weil die Gruppe dort nicht dauerhaft bleiben wird. Es ist aus meiner Sicht wichtig, sie genau dort zusammenzuführen, wo sie auch zukünftig zusammen leben sollen. So ein Auslauf verzerrt nur die Situation: die bereits vorhandenen Tiere sind unsicher im neuen Terrain und reagieren deshalb nicht normal auf den Neuling, werden vielleicht sogar besonders aggressiv oder halten sich extrem zurück. Außerdem ist im Auslauf mehr Platz als im Gehege, so dass sich die Böcke später womöglich dort anfangen zu beißen weil der Neue nicht in einem gewohnt großen Abstand vorbeilaufen kann.

Murphy und Ötti

Die Komplettreinigung des Geheges oder das Einreiben mit gebrauchter Streu kann ein Halter gerne machen, wenn er sich so sicherer fühlt. Für die Tiere ändert es nichts. Sie sind ja nicht doof, sondern merken sofort, wenn da jemand ist den sie nicht kennen. Ein absolutes No-Go ist das Einsprühen mit irgendwelchen geruchsintensiven Chemikalien wie Parfum. Keine Ahnung, wer auf sowas kommt – es verwirrt die Tiere nur, macht sie im Zweifelsfall aggressiv und schadet ihnen womöglich noch durch irgendwelche dubiosen Inhaltsstoffe.

Der Neue sitzt nun also im Gehege und wird je nach Charakter anfangen, sich vorsichtig umzuschauen. Dabei trifft er natürlich auch auf die anderen Jungs. Es gibt jetzt folgende Varianten:

Möglichkeit 1:

Beide beschnuppern sich kurz nach dem Motto „Ah, ein Neuer – ah, ein Anderer.“, muckern kurz und gehen dann ihrer Wege. Das passiert häufig bei alteingesessenen Tieren mit niedrigen Rängen, die den Neuzugang sofort als höherrangig akzeptieren.

Möglichkeit 2:

Beide sehen sich und gehen in Hab-Acht-Stellung aufeinander zu, die Nackenhaare sind gesträubt, jeder macht sich größer. Sie umkreisen sich purrend im Wiegeschritt (brommseln sich also an), werfen die Köpfchen nach oben und fangen an, drohend mit den Zähnen zu klappern. Das passiert am häufigsten und zeigt an, dass hier schon zwei Kandidaten ausmachen, wer zukünftig im Rang höher steht als der andere. Es kann soweit kommen, dass sie kurz zusammenfahren und eventuell dann jeder ein Büschel Haare in der Schnauze hat. Leider ist es möglich, dass im Eifer des Zusammenstoßes Ohren zerfetzt, Felle getackert oder sogar Augen verletzt werden. Das ist natürlich nicht schön, aber trotzdem noch im Rahmen einer Rangordnungsklärung, solange die Jungs sofort wieder auseinandergehen und voreinander ablassen. Solche Wunden müssen fachgerecht durch den Tierarzt versorgt werden, aber bitte den Neuzugang erst später und wirklich nur im Notfall aus dem Gehege nehmen, sonst fängt die ganze Prozedur beim erneuten Zusammensetzen wieder von vorne an. Normalerweise gehen solche Minikämpfe sehr schnell und ohne Verletzungen vonstatten – sie sind sofort wieder vorbei deshalb auch kein Grund zu trennen. Es ist möglich, dass zwei Tiere öfters miteinander ausdiskutieren und theoretisch kann es auch sein, dass der Neuling diese Diskussion mit allen bereits Anwesenden wiederholen muss – wenn er es darauf anlegt, der Chef zu werden. Das kann sich dann auch über mehrere Wochen hinziehen. Ist ein Tier über so eine lange Zeitspanne allerdings dauerhaft zerbissen und wird gemobbt, muss es unbedingt komplett aus der Gruppe herausgenommen werden. Anzeichen für Mobbing sind, dass das Tier vom Futter verjagt wird (Gewichtsverlust!), es keine Ruhe mehr zum Schlafen hat und überall angeklappert und verscheucht wird. Hier liegen auch die kleinen aber feinen Nuancen, was geht und was nicht.

Möglichkeit 3:

Zwei Jungs sehen sich, fahren sofort zusammen, kugeln ineinander verbissen ohne Rücksicht auf Verluste durch das ganze Gehege und lassen nicht mehr los. Das ist der Zeitpunkt für bissfeste Handschuhe und Besen, die man in so einem Fall sofort zum Trennen der Streithähne parat haben muss. Vorsicht, auch ein kleines Meerschwein ist in solchen Momenten äußerst wehrhaft und unberechenbar! Verläuft die Vergesellschaftung so, ist sie eindeutig gescheitert und darf auch auf keinen Fall wiederholt werden. Dann braucht man Alternativen, was mit dem Neuzugang passieren soll.

Neben dem gewissen Quäntchen Glück ein Böckchen zu erwischen, das in die Gruppe passt und sich mit allen arrangieren kann, gibt es also noch eine Menge zu beachten. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass es auch viel auf das Verhalten und die innere Ruhe des Halters ankommt, ob so eine Vergesellschaftung funktioniert. Allzu zart besaitete Zeitgenossen sind mit der Haltung eines Harems (ein kastrierter Bock mit Weibchen) meiner Ansicht nach besser beraten.

Wer es trotzdem mit einer Bockgruppe versuchen will, sollte sich bei seinen ersten Vergesellschaftungen zwecks seelischer und moralischer Unterstützung einen erfahrenen und vor allem ruhigen Halter zu Hilfe holen, der die Situation gut einschätzen kann. Allerspätestens nach einer halben Stunde ist normalerweise sehr klar, ob es geklappt hat oder nicht. Zur Beruhigung der eventuell strapazieren Nerven hat man dann auch gleich jemanden vor Ort, der einen in die nächste Pizzeria oder ins Kino begleitet. ;)

Ötti mit Böller